Band 12: Das bewegte Buch. Buchwesen und soziale, nationale und kulturelle Bewegungen um 1900. Herausgegeben von Mark Lehmstedt und Andreas Herzog. 1999. 429 S., mit 15 Abb. (ISBN 3-447-04206-0. EUR 63. -, Vorzugspreis für Mitglieder des Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwesens: EUR 45. -.

An der Wende zum ‘Jahrhundert der Extreme’ formierten sich innerhalb der deutschen Gesellschaft zahllose Gruppierungen, die alle auf jeweils eigene, oftmals einander diametral entgegengesetzte Weise Reformen des sozialen, nationalen oder kulturellen Lebens durchzusetzen versuchten. Keine dieser Bewegungen konnte dabei auf das gedruckte Wort als (gerade noch) alleiniges gesamtgesellschaftliches Kommunikationsmittel verzichten. Neue Ideen und Ideologien wurden nicht nur in Büchern, Broschüren, Flugblättern, Zeitschriften und Zeitungen formuliert und propagiert, vielmehr übte das Medium der typographischen Kommunikation zugleich auch einen bestimmten, wenngleich oftmals schwer erkennbaren Zwang auf Formulierung und Propagierung dieser Ideen und Ideologien aus. Für viele Bewegungen bedeutete die Organisation der Leser die Organisation der Bewegung selbst – Verlage, Buchreihen, Zeitungen und Zeitschriften wurden auf diese Weise zu Quell- und Bezugspunkten der Bewegungen. Umgekehrt beeinflußten die entstehenden und miteinander heftig konkurrierenden Bewegungen nicht nur ihre Leser, sondern gleichzeitig auch das gesamte typographische Kommunikationssystem und veränderten seine Gestalt auf prägende Weise.
Der Band enthält die für den Druck überarbeiteten Referate der gleichnamigen Tagung des Leipziger Arbeitskreises zur Geschichte des Buchwesens, die in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung vom 10. bis 12. September 1998 in Leipzig stattgefunden hat.

Inhaltsverzeichnis

Wolfgang Schröder: Brücke beim Aufbruch zu neuen Ufern. Zur Integrationsfunktion der Arbeiterpresse. Ein Überblick
Angela Graf: “Socialistica mit großkapitalistischem Chic”. Johann Heinrich Wilhelm Dietz – ein “notorischer Sozialdemokrat” wird Parteiverleger
Jürgen Schlimper: Proletarier mit Geschäftssinn. Zur Geschichte der Leipziger Buchdruckerei AG, des Druck- und Verlagsunternehmens der Leipziger Volkszeitung (1901-1938)
Inge Kiesshauer: Friedrichshagen, ein Verlagsort “hinter der Weltstadt”
Justus H. Ulbricht: “Lebensbücher, nicht Lesebücher!” Buchhandelsgeschichtliche Ansichten der bildungsbürgerlichen Reformbewegungen um 1900
Andreas Herzog: Theodor Fritschs Zeitschrift Hammer und der Aufbau des “Reichs-Hammerbundes” als Instrumente der antisemitischen völkischen Reformbewegung (1902–1914)
Thomas Adam: Heinrich Pudor – Lebensreformer und Verleger
Susanne Urban-Fahr: Der Philo-Verlag. “Vom Heimatrecht der deutschen Juden”. Publizistik zwischen Gegenbewegung und Selbstbehauptung
Ulrich Linse: “Das Buch der Wunder und Geheimwissenschaften”. Der spiritistische Verlag Oswald Mutze in Leipzig im Rahmen der spiritistischen Bewegung Sachsens
Lydia Marinelli: “... es ist seither gleichsam die Buchdruckerkunst für uns erfunden worden...” Zu den Anfängen psychoanalytischer Zeitschriften (1908-1914)
Andreas Pretzel: Des Kaisers neue Kleider. Karl Vanselows Beitrag zur Schönheitsbewegung und Sittenreform im deutschen Kaiserreich
Mark Lehmstedt: “Durch meinen Verlag fand noch nie ein unsittliches Werk Verbreitung”. Der Max Spohr Verlag in Leipzig als publizistisches Zentrum der frühen Homosexuellenbewegung
Marita Keilson-Lauritz: Adolf Brand und Der Eigene. Zur Geschichte einer ‚bewegten‘ Zeitschrift
Ina Pfitzer: Das “Verlangen nach einer Bereicherung und Vertiefung naturwissenschaftlicher Kenntnisse”. Die Zeitschrift Kosmos. Handweiser für Naturfreunde - ein Beispiel erfolgreicher Leserbindung
Mirjam Storim: Literatur und Sittlichkeit. Die Unterhaltungsliteraturdebatte um 1900
Peter Vodosek: Zwischen Philantropismus und Sedativ: Die “Bücherhallenbewegung”

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